Geschwungene, baumbestandene Straße mit historischen Häusern der Gartenstadt
Renommierte Architekten Florence  

Blickwechsel statt Reißbrett: Warum die Margarethenhöhe keine geraden Straßen kennt

Das Geheimnis der geschwungenen Gassen auf der Margarethenhöhe

Wer die Margarethenhöhe zum ersten Mal betritt, erlebt einen bemerkenswerten Bruch. Eben noch prägen die Maßstäbe der Industriestadt das Bild, dann öffnet sich ein Ensemble aus begrünten Wegen, Torbögen, kleinen Plätzen und liebevoll gegliederten Fassaden. Statt endloser Geraden empfängt den Besucher ein Wechsel aus Nähe und Öffnung. Häuser treten vor, verschwinden wieder hinter einer Kurve und geben den Blick erst im nächsten Moment auf einen neuen Raum frei.

Genau darin liegt Georg Metzendorfs städtebaulicher Kunstgriff. Die zwischen 1909 und 1938 in 29 Bauphasen entstandene Siedlung wurde nicht als starres Raster auf das Gelände gelegt. Metzendorf arbeitete mit dem natürlichen Gelände, mit Tälern, Höhenunterschieden und sorgfältig komponierten Raumfolgen. Die Community Gardening-Idee einer gemeinschaftlichen Gartenpflege knüpft in moderner Form an die Verbindung von Wohnen, Grünräumen und sozialem Miteinander an. Die Margarethe-Krupp-Stiftung beschreibt die Margarethenhöhe als frühes Beispiel der Gartenstadtbewegung, deren Leitbild attraktive Wohnungen, Gärten, Grünräume und eine idealisierte Verbindung von Stadt und Landschaft zusammenführte.

Dieser Rundgang liest die Siedlung wie eine architektonische Dramaturgie. An der Margarethenbrücke und am Torbogen Am Brückenkopf beginnt die Ankunft, über die Steile Straße führt der Weg hinauf zum Kleinen Markt, wo sich das öffentliche Leben verdichtet, und im Lehnsgrund sowie im Laubenweg wird die Kurve selbst zum Gestaltungsmittel. Über den Robert-Schmohl-Platz bis hin zum südlich gelegenen Hauxplatz erschließt sich Schritt für Schritt, wie Metzendorf aus Wohnhäusern eine Kulisse des Alltags formte, dörflich im Eindruck, aber mit modernen Wohnungen und einer klaren sozialen Zielsetzung.

Blaues Fahrrad vor geschwungener Häuserzeile mit schmiedeeisernen Zäunen
Die geschwungenen Wege machen den Übergang von der Industriestadt zur Gartenstadt als Folge bewusst gesetzter Räume erfahrbar. Jede Kurve verbindet Orientierung mit einem Moment der Überraschung.

Station Eins am Brückenkopf und der Bruch mit der imperialen Achse

Die Margarethenbrücke und das Torhaus am Brückenkopf bilden das historische Portal der Siedlung. Hier wird die Ankunft ganz bewusst nicht als triumphaler Fernblick inszeniert. Eine wilhelminische Achse hätte den Blick über eine lange, breite Schneise auf einen monumentalen Solitär gelenkt. Metzendorf wählte den entgegengesetzten Weg: Bereits an der Brücke über das Mühlenbachtal wird der Übergang aus der Industriestadt in eine eigenständige Siedlungswelt spürbar. Hinter dem Torbogen empfängt den Besucher keine zugige Verkehrsader, sondern ein geschützter Raum. Die Sicht ist dosiert, und die Bewegung verlangsamt sich fast automatisch. Die Hauszeilen bilden eine organische Folge von Mauerkanten, Torbögen, Giebeln und Durchlässen.

Damit steht die Margarethenhöhe in engem Bezug zu jenen städtebaulichen Prinzipien, die Camillo Sitte Ende des 19. Jahrhunderts anhand historischer Stadträume entwickelte. Sitte plädierte für geschlossene Raumkanten, wechselnde Blickachsen und eine malerische Abfolge anstelle monotoner Reißbrettmuster. Auf der Margarethenhöhe erscheinen diese Grundsätze als alltäglich gelebte Realität. Wesentlicher Bestandteil dieses Konzepts war auch die enge Verzahnung von Wohnraum und Natur: Metzendorf ordnete jedem Wohnhaus private Mietergärten zu. Diese rückwärtigen Nutz- und Ziergärten boten Raum für den Anbau von Gemüse und Obst sowie für die Kleintierhaltung, wodurch sie einen unverzichtbaren Beitrag zur gesunden Ernährung und Selbstversorgung der Bewohner leisteten.

  • Geschlossene Raumkanten: Die Hauszeilen rahmen Plätze und Wege, ohne sie vollständig zu versperren.
  • Variierte Fassaden: Giebel, Erker, Putzflächen, Natursteinsockel und unterschiedliche Fensterordnungen vermeiden monotone Wiederholung.
  • Begrünte Zwischenräume: Private Mietergärten, Hecken und Vorgärten mildern die Härte der Bebauung und verbinden private mit gemeinschaftlichen Bereichen.
  • Dosierte Sicht: Der Blick endet nicht in endloser Ferne, sondern findet an Biegungen und Torbögen immer wieder einen architektonischen Zwischenhalt.

Über die Steile Straße zum Kleinen Markt und die Inszenierung überraschender Blickwinkel

Vom Torbogen aus steigt die Steile Straße als geschwungene Hauptachse den Hang hinauf. Sie demonstriert Metzendorfs Sinn für räumliche Dramaturgie: Durch die sanfte Kurvenführung bleibt der Kleine Markt zunächst verborgen. Erst Schritt für Schritt schälen sich die Fassaden, Gauben und Mansarddächer aus dem Blickfeld. Beim Durchschreiten der Steigung verändert sich die optische Kulisse kontinuierlich. Was eben noch wie eine beschauliche Wohnstraße wirkte, weitet sich unvermittelt zum Kleinen Markt, dem zentralen Platz der Margarethenhöhe.

Am Kleinen Markt verdichtet sich diese Methode zu einem öffentlichen Mittelpunkt. Der Platz ist nicht als starre, geometrisch-symmetrische Figur angelegt. Brunnen, Arkaden, Wegebeziehungen und Baumpflanzungen stehen in einer wohlüberlegten Spannung zueinander. Die asymmetrische Staffelung lässt den Platz gewachsen erscheinen, obwohl er bis ins letzte Detail geplant wurde. Der Schatzgräberbrunnen von Joseph Enseling, das traditionsreiche Hotel und Gasthaus sowie die Gebäude der ehemaligen Krupp’schen Konsumanstalt verweisen zugleich auf die soziale Infrastruktur, die aus der Margarethenhöhe ein autarkes Gemeinwesen machte.

Typische Reißbrett-Mietskaserne Metzendorfs organische Wegeführung
Lange, geradlinige Straßenräume Kurven, Versätze und wechselnde Raumtiefen
Gleichförmige Fassaden in serieller Wiederholung Variierte Giebel, Arkaden, Fenster und Materialakzente
Platz als Restfläche zwischen Gebäudeblöcken Platz als gefasster Aufenthalts- und Orientierungsraum
Fernblick und Verkehr dominieren die Wahrnehmung Nähe, Überraschung und Schrittgeschwindigkeit prägen den Eindruck

Schritt für Schritt durch den Lehnsgrund und das Spiel mit Licht und Kurve

Biegt man vom Marktplatz tiefer in das Wohnquartier ab, etwa in den Lehnsgrund, wird besonders greifbar, wie die geschwungene Linienführung Geborgenheit und Intimität erzeugt. Eine lange Sichtachse würde den gesamten Straßenraum sofort erklären. Die Kurve des Lehnsgrunds hält das Raumbild dagegen zurück. Häuserzeilen staffeln sich seitlich, das Licht bricht sich in wechselnden Winkeln auf hellem Putz, hölzernen Schlagläden und Natursteinmauern. Der Weg erhält eine fast szenische Abfolge, die an ein über Generationen gewachsenes Dorf erinnert, obwohl die Margarethenhöhe eine planmäßig errichtete Siedlung darstellt.

Für den Spaziergang lohnt es sich, das Tempo bewusst zu reduzieren. Nicht die größtmögliche Strecke zählt, sondern die Qualität der Beobachtung. Mansarddächer (Dächer mit abgeknickten, steileren Unterpartien zur optimalen Raumausnutzung), individuelle Fensterläden, überdachte Hauseingänge und geschwungene Giebel führen vor Augen, wie stark Metzendorf mit Maßstab und Variation arbeitete. Achte auch auf die Sockelzonen: Ruhrsandstein aus den nahen Steinbrüchen verankert die Gebäude im Hang und verleiht den Bauten eine robuste, regionaltypische Festigkeit.

  1. Beginne an einer Kurve und prüfe, welche Gebäudeteile zuerst sichtbar werden.
  2. Betrachte anschließend die Fassadenhöhe und frage, ob der Raum eher schützt, öffnet oder lenkt.
  3. Suche nach kleinen Abweichungen bei Fenstern, Türen, Giebeln und Läden.
  4. Vergleiche die Wirkung bei Sonne und bedecktem Himmel, weil Licht die Raumtiefe deutlich verändert.
  5. Halte Abstand zu privaten Eingängen und Gärten, denn die historische Kulisse ist zugleich ein bewohntes Quartier.

Hinter dieser Gestaltung stand das soziale Vermächtnis von Margarethe Krupp. Die 1906 anlässlich der Hochzeit ihrer Tochter Bertha gestiftete Margarethe-Krupp-Stiftung sollte vorbildlichen, gesunden Wohnraum für minderbemittelte Klassen schaffen – ausdrücklich nicht allein für Krupp-Arbeiter, sondern für die Essener Bürgerschaft insgesamt. Metzendorfs Konzept des durchgrünten Kleinwohnhauses brach radikal mit den dunklen, feuchten Mietskasernen der Gründerzeit. Jede Einheit verfügte über ein eigenes Badezimmer, eine Spültoilette und war an das zentrale Versorgungsnetz angeschlossen – im damaligen Kaiserreich ein außergewöhnlicher Standard.

Das ganzheitliche Konzept zielte auf dauerhafte Lebensqualität und soziale Stabilität ab. Die Verbindung von Wohnstabilität und individueller Unterstützung findet sich in anderer Form auch in heutigen Angeboten wie dem Family Self-Sufficiency Program. Statt bloßer Schlafräume schufen Stiftung und Architekt ein Umfeld, in dem durch die Kombination aus Gartenparzellen zur Selbstversorgung, hauseigenen Stallungen für Kleinvieh und fortschrittlicher Haustechnik eine würdevolle Existenz gesichert wurde. Spätere Bauabschnitte erweiterten das Quartier um Einrichtungen wie die Schule an der Waldlehne und Sportflächen. Die architektonische Lehre der Margarethenhöhe bleibt dadurch universell gültig: Soziale Fürsorge und nachhaltige Stadtentwicklung erschöpfen sich nicht in materiellen Hilfen, sondern verlangen nach durchdachten, gemeinschaftsfördernden Lebensräumen.

Handwerkliche Finesse im Laubenweg und der Weg zum Hauxplatz

Weiter südlich, entlang von Wegen wie dem Laubenweg und rund um den Robert-Schmohl-Platz bis hin zum Hauxplatz, entfaltet sich die handwerkliche Qualität der späteren Bauabschnitte. Der Laubenweg führt die Idee der gebauten Nähe mustergültig weiter: Wo sich der Straßenraum verengt, rücken Fassaden, Vorgärten und Wege in eine vertraute Beziehung. Symmetrie ist nirgends Dogma. Stattdessen regiert eine fein austarierte Unregelmäßigkeit: Ein vorspringender Baukörper, eine andere Dachlinie, eine Arkade oder ein Wechsel der Fensterformen genügt, um den Eindruck historischer Tiefe zu wecken.

Am südlichen Hauxplatz, der erst in den Jahren 1918 bis 1920 im Umfeld der Schule an der Waldlehne angelegt wurde, zeigt sich, wie Metzendorf auch größere Platzanlagen behutsam in das hügelige Terrain einbettete. Putzflächen treffen auf sorgfältig behauenen Ruhrsandstein, handwerkliche Holzdetails und wohlproportionierte Maueröffnungen. Das dörfliche Kolorit war kein rückwärtsgewandter Kitsch, sondern eine bewusste therapeutische Antwort auf die physische und psychische Belastung durch rauchende Schlote, Stahlwerke und die Hektik der industriellen Arbeitswelt.

  • Material lesen: Prüfe, wo Naturstein schützt, wo Putz Leichtigkeit erzeugt und wie beides miteinander vermittelt wird.
  • Proportionen vergleichen: Achte auf das Verhältnis von Sockel, Erdgeschoss, Obergeschossen und Dachzone.
  • Unregelmäßigkeit erkennen: Kleine Unterschiede verhindern den Eindruck einer monotonen Serienproduktion.
  • Ensemble bewahren: Bei Veränderungen an Fenstern, Läden, Gärten oder Beleuchtung ist die Wirkung des gesamten Straßenraums mitzudenken.

Die Gartenstadtidee reagierte international auf die überfüllten und ungesunden Bedingungen der Industriestädte. Ebenezer Howard verband Wohnen, Grün, kurze Wege und gemeinschaftliche Einrichtungen. Die Margarethenhöhe übernahm diese Grundgedanken, passte sie aber an Essener Verhältnisse an. Sie war keine genossenschaftliche Gründung im ursprünglichen Sinn, sondern eine stiftungsgetragene Mustersiedlung mit eigener sozialer und architektonischer Handschrift. Gerade diese Mischung aus Planung, Fürsorge und inszenierter Dorflichkeit macht ihren unverwechselbaren Charakter aus.

Mit wachen Augen durch Essens gebaute Utopie flanieren

Die Margarethenhöhe wirkt bis heute lebendig, weil ihre Räume nicht auf maximale Ausnutzung, sondern auf menschliche Wahrnehmung angelegt sind. Gekrümmte Straßen reduzieren nicht automatisch die Dichte, doch sie verändern deren Erlebnis. Sie schaffen Zwischenräume, schützen vor übermäßiger Weite und geben dem Alltag eine lesbare Abfolge. Im Unterschied zum gleichförmigen Raster entsteht Identität nicht durch Monumentalität, sondern durch Wiedererkennung im Detail.

Für einen besonders ergiebigen Rundgang empfiehlt sich der Vormittag, wenn flaches Licht Sockel, Fensterläden und Fassadenreliefs hervorhebt. Am späten Nachmittag treten Kurven und Torbögen durch längere Schatten stärker hervor. Im Frühling und Sommer lassen sich die Beziehungen zwischen Häusern, Gärten und Wegen besonders gut beobachten; im Herbst und Winter werden dagegen Dachformen, Giebel und Raumkanten klarer sichtbar. Geführte Angebote können zudem Einblicke in historische Räume wie die Musterwohnung, das Kleine Atelierhaus oder das Zentrum der Bürgerschaft ermöglichen, sofern Termine und Zugänge aktuell bestätigt sind.

Wer die Margarethenhöhe mit diesem Blick verlässt, sieht auch andere Stadtquartiere anders. Frage bei jedem Weg, wo eine Sichtachse beginnt, wo sie endet und welche Bewegung der Raum nahelegt. Prüfe, ob ein Platz wirklich Aufenthaltsqualität besitzt oder nur Verkehrsfläche ist. Und achte darauf, wie Material, Begrünung und Maßstab zusammenwirken. So wird der Rundgang durch Essen zu einer kleinen Schule der Stadtplanung, mit einer klaren Botschaft: Lebenswerte Stadt entsteht nicht allein aus geraden Linien, sondern aus sorgfältig komponierten Beziehungen zwischen Menschen, Häusern und Landschaft.